Jahresbericht 2022-2024

Zwischen 1950 und 1970 verschwanden in Sachsen und Thüringen mehrere Orte von der Landkarte. Sie mussten dem Uranbergbau der SowjetischDeutschen Aktiengesellschaft Wismut weichen. Besonders betroffen war die sächsische Kleinstadt Johanngeorgenstadt. Das Forschungsprojekt befasst sich mit der Erarbeitung einer historisch-geographischen Mikrologie des Verlusts am Beispiel von Johanngeorgenstadt. Das Ziel des sozialgeographischen Teilprojektes ist es, anhand von Biographien und lebensweltlichen Erfahrungen die gegenwärtigen Geographien des Verlusts in Johanngeorgenstadt zu untersuchen. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Mikrogeographien des Verlusts paradoxerweise als negative Verräumlichungen in der Erfahrung der materialen Umgebungen der Stadt weiterbestehen. Die praxeologischen Dimensionen des Verlusts („doing loss“) werden als konkrete Praktiken der Verlustbearbeitung (Erinnern, Trauern, Rekonstruieren, Verdrängen) in individuellen Biographien und kollektiven Atmosphären aufgespürt. Das Projekt wird gefördert durch die GerdaHenkel-Stiftung. [3] Runkel, S. und Schramm, M. (2024, forthcoming): Special Issue: Geographien des Verlusts. Social Geography. Johanngeorgenstadt als verschwindende Stadt – eine historische und geographische Mikrologie des Verlusts (seit 2023) FORSCHUNG — 151 Tranquility Studies: Stille und Erfahrung (seit 2024) Die Tranquility Studies sind ein interdisziplinärer Forschungsverbund im Rahmen der Profillinie LIBERTY der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Im Zentrum der Tranquility Studies steht die theoretische und empirische Auseinandersetzung mit den Phänomenen Stille, Ruhe und Achtsamkeit als Aspekten von Tranquilität. Hierzu arbeiten wir in einem interdisziplinären Forschungsverbund von Sozial- und Geisteswissenschaftler:innen der Universität Jena zusammen. Das Projekt ist zunächst auf drei Jahre begrenzt. Die erste Kohorte der Tranquility Studies fokussiert in drei Clustern auf Stille als Dimension von Tranquilität. Im Fokus stehen das Versprechen von Stille als Programmatik, die soziale (Dys-) Funktionalität von Stille aus empirischer Sicht und Stille im Kontext sozialen Wandels und der Herstellung von Ungleichheit, als spezifischer, thematischer Bezug. Säkularisierung des geographischen Denkens seit der Aufklärung (seit 2024) Das theoretische und ideengeschichtliche Forschungsprojekt befasst sich mit der Säkularisierung geographischer Argumentationsmuster, Begriffe und Ideen seit der Aufklärung. Es wird davon ausgegangen, dass die Säkularisierung kein abgeschlossener Prozess der Subtraktion religiöser bzw. theologischer Inhalte, sondern eine andauernde Transformation darstellt. Mit Rückgriff auf sozialwissenschaftliche und philosophische Ansätze (Begriffs- und Ideengeschichte, Metaphorologie, politische Theologie) werden Säkularisate in gegenwärtigen Diskursen der Humangeographie analysiert. Dies betrifft insbesondere Debatten zum Anthropozän, zur planetarischen Krise und zur Raumfahrt. [4] Runkel, S. (2025): Theodizee und Geodizee: Das Erdbeben von Lissabon 1775 und die Frage nach der (Wieder-)Verzauberung der Welt im Anthropozän. Geographische Zeitschrift. Online First. [5] Runkel, S. (2024): Die verflochtene Geschichte von Geographie und Theologie. In: Berichte. Geographie und Landeskunde, 97(3-4). Städtische Geographien des Verlusts im Kontext sozial-ökologischer Transformationen (seit 2024) Das Projekt untersucht verschiedene, mit sozialökologischer Transformation verknüpfte Verlusterfahrungen sowie Umgangsweisen mit Verlust in städtischen Räumen. Über die Identifikation von Akteuren und Praktiken des Verlusts bzw. der Verlustbearbeitung sowie über eine darauf aufbauende Analyse der Orte des Verlusts wird untersucht, wie sich diverse Verlustverhältnisse in alltäglichen städtischen Kontexten manifestieren, lokale Beziehungsgeflechte beeinflussen und Aushandlungen über nachhaltige Transformationspfade prägen. Das Projekt verknüpft die konzeptionelle Erschließung von Verlust als Analyseperspektive mit empirischer Forschung, die in einer Großstadt in Mitteldeutschland untersucht, welche Akteure auf welche Weisen mit Verlust konfrontiert sind und welche Praktiken der Verlustbearbeitung entstehen. Hierzu integriert das Projekt auch künstlerisch-fotographische Methoden, um Verortungen von Verlust in der Stadt zu erfassen. Über eine produktive gesellschaftliche Auseinandersetzung mit städtischen Verlustverhältnissen, so die These der Studie, kann sozial-ökologische Transformation effektiver umgesetzt werden. Das Projekt adressiert dabei auch planungsrelevante Perspektiven für die Gestaltung sozialökologisch orientierter Stadtentwicklung. Das Projekt wird gefördert durch den Bundesverband Wohnen und Stadtentwicklung (vhw).

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