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S C HW E R P U N K T

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01 | LICHT

GEDANKEN

Ist die Welt noch zu retten?

Hartmut Rosa über globale Verantwortung und Versteinerungen in

der Gesellschaft, Resonanzfähigkeit und die Verfügbarmachung der

Welt

I N T E R V I E W: U T E S C H Ö N F E L D E R

2016 ist das »International Year of

Global Understanding« (IYGU), dem

diese Ausgabe unseres Forschungs-

magazins gewidmet ist. Das Motto

des IYGU lautet: Global denken, lokal

handeln. Das ist doch genau Ihr The-

ma, oder?

Ja, das stimmt. Der Untertitel meines

neuen Buches »Resonanz« heißt »Eine

Soziologie der Weltbeziehung« und

beschreibt diese Verbindung zwischen

dem eigenen Leben und dem globalen

Ganzen. Wobei man aufpassen muss,

dieses Motto nicht falsch zu verstehen.

Es geht nicht um globale Verantwor-

tung in dem Sinne, dass ich, wenn ich

mir einen Joghurt kaufe, verantwortlich

für sämtliche Folgen bin, etwa für die

Erdbeerlieferanten in Spanien oder die

Plastikhersteller in Polen.

Aber als Konsument in einer globa-

lisierten Welt trägt man doch Verant-

wortung.

Ja, natürlich. Aber die Idee, für alle

Folgen des eigenen Handelns verant-

wortlich zu sein, führt zu einer heillo-

sen Überforderung des Individuums.

Deshalb geht es mir darum, die Art der

Weltbeziehung des Einzelnen neu zu

denken. Ich halte die Idee für überholt,

dass der Einzelne unmittelbar kausale

Verantwortung trägt für jegliche Folgen

anderswo auf der Welt. Das bedeutet

aber nicht, dass ich mich nicht verbun-

den fühlen kann mit dem Weltganzen

und der Menschheit und versuchen

kann, Wege eines nachhaltigen und ge-

rechten »In-der-Welt-Seins« zu finden.

Prof. Dr. Hartmut Rosa hat den

Lehrstuhl für Allgemeine und Theo-

retische Soziologie der FSU inne und

ist zugleich Direktor des Max-Weber-

Kollegs in Erfurt. Seit dem Erscheinen

seines Buches »Beschleunigung«

im Jahr 2005 hat er sich bundes-

weit und international einen Namen

als Zeitsoziologe gemacht. Seine

kritischen Analysen zur Verdichtung

der Lebensverhältnisse in modernen

Gesellschaften finden nicht nur im

akademischen Bereich großen An-

klang. Rosa trifft damit auch den Nerv

einer breiten Öffentlichkeit. Kaum ein

überregionales Publikumsmedium –

von ZEIT und Spiegel über Deutsch-

landfunk bis Arte TV – das nicht

schon mehrfach über seine Thesen

berichtet hat. Zu Jahresbeginn hat der

51-Jährige nun sein neuestes Buch

mit dem Titel »Resonanz – Eine Sozi-

ologie der Weltbeziehung« vorgelegt,

in dem er einen Ausweg aus dem Di-

lemma weist. »Wenn Beschleunigung

das Problem ist, dann ist Resonanz

vielleicht die Lösung«, schreibt Rosa

darin. Statt der Steigerungslogik von

Wachstum und Beschleunigung von

einer Krise in die nächste zu folgen,

sollten sich Individuen und Gesell-

schaften wieder für Resonanzerfah-

rungen mit der Welt öffnen.